Besser eine Hand voll mit Ruhe, als beide voll mit Mühe und Haschen nach Wind.
Kohelet 4,6
Als ich Kind war gab es keine großen Pläne, auch selten kleine. Das Wichtigste in den Ferien war auszuschlafen und dann draußen seine Freunde zu treffen. Die waren so wie ich auch immer da. Meine Mutter sah mich dann zum Mittag- und zum Abendessen wieder. Dazwischen streiften wir durch den Wald, den Ort und die Nachbargärten. Wir erfanden Spiele, bauten Seifenkisten und Baumhäuser. Bei Regen malten wir Plakate, bastelten Fernrohre, fuhren auf Kissenbooten durch Abenteuergeschichten.
Nun sitze ich mit meinen Kindern am Frühstückstisch, wie immer kommt die Frage: Was machen wir heute? Und wenn ich nichts vorschlage oder nach eigenen Ideen frage, schaue ich in verwirrte Gesichter. Unsere Kinder können mit freier Zeit und Langeweile nicht mehr umgehen. Wie auch?
Wir Erwachsenen leben ihnen vor, dass jedes Stückchen unserer Zeit verplant ist. Der volle Terminkalender ist zu Statussymbol geworden, er zeigt, wie wichtig ich bin. Auch vor kirchlichen Kreisen hat das nicht halt gemacht. Die Kollegen sind abgehetzt, der digitale Kalender doppelt belegt, wenn etwas ausfällt, steht schon der nächste Termin in den Startlöchern.
Als ich da so am Frühstückstisch sitze und die Kinder vor Langeweile anfangen den Wohnzimmertisch in eine Spielhöhle umzubauen, frage ich mich, wann das alles angefangen hat. Mir kommt der Verdacht, dass es etwas mit dem Sprichwort „Zeit ist Geld“ zu tun hat. Ein Versuch die Zeit den Gesetzen den Marktes zu unterwerfen, sie zu managen.
Dabei geht es um Effektivität, immer mehr in Tage und Stunden hinein zu stopfen. Sowohl in die Arbeitszeit, als auch in die Freizeit. Familienzeiten, Yogastunden, Mädelsabende werden genauso geplant, wie berufliche Termine und natürlich sollten sie genauso pünktlich beginnen und enden.
Wie gut tut es da, wenn ein Mensch mir gegenübersitzt, der Ruhe ausstrahlt und Zeit für mich hat, ganz ohne Limit. Das Kinderbuch „Momo“ von Michael Ende erzählt da von einem besonderen Mädchen.

Eines Tages taucht Momo plötzlich am Rand der großen Stadt auf und fasziniert ihre Nachbarn mit einer besonderen Gabe: Sie kann zuhören wie niemand anderer. Am Ende rettet sie die Menschen, weil sie ihnen die Zeit zurückbringt, die ihnen die „grauen Herren“ gestohlen haben.
Durch ihr Zuhören gibt sie anderen das Gefühl einzigartig und besonders zu sein. Menschen verstehen, dass sie nicht ständig etwas leisten müssen, sondern ganz im Hier und Jetzt sein können. „Denn jeder Mensch hat seine Zeit. Und nur solang sie wirklich die seine ist, bleibt sie lebendig“, heißt es.
Ich wünsche uns und unseren Kindern für diesen Sommer, dass wir einfach mal wieder unsere Zeit verschwenden können, ohne Pläne, einfach mittendrin sein und spüren können wie sich unsere Hände füllen.
Ihre Pfarrerin Sarah Zeppin.
